Der Urgroßvater mit dem Bauchladen

Alles beginnt zu Anfang des 20. Jahrhunderts, auf staubigen Plätzen und Jahrmärkten in der Toskana. Ein junger Mann namens Stefano Desideri zieht von Fest zu Fest, von Markt zu Markt, und verkauft Süßigkeiten. Kein Laden, keine Manufaktur, kein Firmenschild – nur ein Sortiment, ein guter Ruf und die Fähigkeit, Menschen mit etwas Einfachem glücklich zu machen.
Seine Spezialität stammt aus dem eigenen Heimatort: die Brigidini di Lamporecchio, hauchdünne, knusprige Anisplätzchen, die man in der Provinz Pistoia seit Generationen kennt. Stefano backt sie nicht nur – er backt sie besser. So gut, dass die Familie 1911 die Goldmedaille der Esposizione Campionaria in Mailand gewinnt. Für einen Wanderhändler aus der toskanischen Provinz ist das damals eine kleine Sensation. Und es ist der Moment, in dem aus einem Handwerk ein Unternehmen wird.
Montecatini Terme: Der Sprung in die Belle Époque
Wenige Jahre später wagt die Familie den entscheidenden Schritt und eröffnet ein Geschäft in Montecatini Terme. Man muss sich vorstellen, was dieser Ort damals war: Europas mondänster Kurort, eine Bühne aus Thermalbädern, Liberty-Architektur und Kaffeehäusern. Wer Rang und Namen hatte – Politiker, Komponisten, Schauspieler, Industrielle – kam zur Kur nach Montecatini. Und wer nach Montecatini kam, nahm eine Süßigkeit mit nach Hause.
Genau hier beginnt das zweite große Kapitel der Familie: die Cialde di Montecatini. Zwei papierdünne, goldene Waffelscheiben, dazwischen eine feine Füllung aus Mandeln, Zucker und einem Hauch Vanille. Die Cialda ist die süße Signatur des Kurorts – ein Souvenir, das man nicht auf ein Regal stellt, sondern isst. Die Desideris nehmen sie in ihre Produktion auf, und bis heute ist sie das Herzstück des Hauses: „il dolce da cui tutto ha avuto origine“ – das Gebäck, aus dem alles entstanden ist.
Die Geschichte der Cialda selbst ist übrigens eine der schöneren und zugleich bitteren Fußnoten der italienischen Konditoreigeschichte. Überliefert wird, dass sie in den 1920er-Jahren von jüdischen Konditoren aus der Tschechoslowakei nach Montecatini gebracht wurde. Als die Rassengesetze in Italien griffen, mussten sie den Ort verlassen; das Rezept blieb – und wurde von den Kurort-Konditoren weitergetragen. Ein Gebäck, das man heute leichthin zum Espresso isst, trägt also ein Stück europäische Geschichte in sich.

„Da pasticceri a ingegneri“ – vom Konditor zum Ingenieur
Ein Detail, das wir an dieser Familie besonders mögen: Als die Nachfrage wuchs und keine Maschine auf dem Markt das leistete, was sie brauchten, bauten sich die Desideris ihre Maschinen kurzerhand selbst. Aus Konditoren wurden Konstrukteure. Diese Eigenbauten laufen bis heute – technisch nachgerüstet und sicherheitszertifiziert, aber im Kern dieselben Apparate, die schon der Großvater bediente.
Das ist mehr als Nostalgie. Wer die Cialde di Montecatini kennt, weiß: Die Waffelscheibe muss so dünn sein, dass sie beim Anschauen fast zerbricht – und trotzdem tragen. Diesen Grat trifft keine Standardmaschine. Er wird getroffen, wenn Werkzeug, Rezept und Hand über hundert Jahre miteinander gewachsen sind.
Die vierte Generation: Giacomo und Luca
Heute führen die Brüder Giacomo und Luca Desideri das Unternehmen in der vierten Generation. Sie haben die Tradition und die alten Rezepte von ihrem Vater Stefano übernommen, der wiederum den Namen des Urgroßvaters trägt. Der Firmensitz liegt in der Via Ugo Foscolo in Montecatini Terme, mitten in der Valdinievole, jenem grünen Streifen zwischen Florenz, Lucca und den Bergen des Montalbano.
Neben Produktion und Versand betreiben die beiden mit der Casa Desideri auch eine eigene Bar-Pasticceria im Ort – dort, wo man morgens den Cappuccino trinkt und die Familie hinter dem Tresen steht.
Die Philosophie: so wenige Zutaten wie möglich
Die Rezepturen der Familie Desideri sind kurz. Auffällig kurz.
Brigidini di Lamporecchio – vier Zutaten:
frische Eier (regional bezogen), Mehl Tipo 1, italienischer Zucker, Anis. Mehr nicht.
Cialde di Montecatini:
Mehl, Milch und Eier für die Waffelblätter; Zucker, Mandeln und ein Hauch Vanille für die Füllung. Was die Cialda ausmacht, ist nicht die Zutatenliste, sondern der Prozess: Nach der Herstellung reifen die Cialde rund 20 Tage, bis Waffel und Füllung ihre endgültige Textur gefunden haben. Zeit als Zutat – das kennen wir aus der Weinwelt gut.
Was in beiden Fällen fehlt, ist genauso wichtig: keine künstlichen Farbstoffe, keine Konservierungsstoffe. Die Eier kommen aus Freilandhaltung, Mehl und Zucker aus Italien, die Mandeln in Qualität statt in Menge. Wenn möglich, wird lokal eingekauft.
Die Klassiker im Überblick
Cialde di Montecatini – Das Flaggschiff. Zwei ultradünne Waffelscheiben, dazwischen Mandelgranulat, Zucker und Vanille. Zart, duftig, mit feinem Mandel-Vanille-Ton. Pur zum Espresso oder Tee, klassisch aber auch zu Eis und Sahne. Es gibt sie in verschiedenen Größen, unter anderem als kleine 6-cm-Variante mit Zartbitterschokolade überzogen.
Brigidini di Lamporecchio – Runde, unregelmäßig gewellte, goldgelbe Anis-Waffeln, hauchdünn und laut knusprig. In der Mitte tragen sie eine stilisierte Blüte – der Abdruck der historischen Backeisen. Der Legende nach entstanden sie im Kloster Santa Brigida in Lamporecchio: Nonnen, die Hostien backen wollten, verrechneten sich beim Teig. Statt ihn wegzuwerfen, gaben sie Eier, Zucker und Anis dazu. Ein Missgeschick, das seit Jahrhunderten überlebt. Neben dem Original gibt es heute Varianten mit Kakao und Kaffee sowie eine glutenfreie Version.
Cantucci di Prato – Die berühmten toskanischen Mandelkekse, zweimal gebacken, knochentrocken und genau dafür gemacht, in ein Glas Süßwein getaucht zu werden.
Dazu kommen weitere toskanische Klassiker aus derselben Backstube: Brutti Buoni, Ricciarelli di Siena und Croccante.
Warum diese Kekse in einen Weinladen gehören
Wir führen die Familie Desideri nicht, weil wir unser Sortiment „abrunden" wollten, sondern weil sie exakt das ist, wonach wir bei Wein suchen: ein Familienbetrieb, der seit vier Generationen dasselbe macht, mit wenigen, ehrlichen Zutaten und ohne Abkürzungen.
Und weil es kaum eine bessere Verbindung gibt als toskanisches Gebäck und italienischen Wein:
- Cantucci + Vin Santo – die klassischste Kombination Italiens. Der Keks trocken und mandelig, der Wein warm und nussig.
- Brigidini + Vin Santo oder ein leichter Moscato – der Anis holt aus einem süßen Weißwein Noten heraus, die man vorher nicht bemerkt hat.
- Cialde + Espresso oder ein feiner Dessertwein – Mandel und Vanille brauchen keine Konkurrenz, nur Begleitung.
- Brigidini in Zartbitterschokolade + kräftiger Süßwein – für den Abschluss eines langen Abends.
Wer ein italienisches Essen zu Hause richtig beenden will, braucht keinen aufwendigen Nachtisch. Eine Schale Cantucci, eine Handvoll Brigidini, ein Glas Vin Santo – und die Zeit, in der niemand mehr aufsteht.

